Kritiken Theater, Oper, Ausstellungen, Installationen
Festivalauftakt in Mannheim erinnert an Kolonialverbrechen in Namibia
Eine Gedenkprozession in Mannheim erinnert an den
Völkermord in Namibia und eröffnet das Live-Art-Festival „Wunder der Prärie“
im Zeitraumexit.
von Martin Vögele
Mannheim -
Die in Schwarz gekleidete Musikkapelle schreitet voran, die Besucherinnen und Besucher folgen, die Nachhut bilden fünf
Ovaherero-Reiter in ihren dunkelblauen Uniformen. Ein Stück weiter
neckaraufwärts halten alle inne. Der namibische Lyriker und Autor Prince
Kamaazengi Marenga trägt hier ein Gedicht vor, worin die Jahre zwischen 1904
und 1908, die Flucht, Verfolgung und die Verbrechen, die das Deutsche
Kaiserreich an seinen Vorfahren verübte, auf schmerzvoll eindringliche Weise
lebendig werden. Kanonen speien in diesen Zeilen Donner, Körper schlucken
Kugeln. Es seien dies die „Geschichten, die unsere Großmütter uns erzählt
haben“, sagt der Dichter.
Gedenken und Reflexion: Eine Parade der Erinnerung
Die Gedenkprozession, die Parade entlang der Neckarstädter Uferseite trägt den Titel „unwritten archives – a parade for the 21st century“. Mit ihr werden zugleich die „Wunder der Prärie“ eröffnet, das internationale Live- Art-Festival des Mannheimer Kunst- und Performance-Hauses Zeitraumexit, das dieses Jahr unter dem Titel
„Theaters of War(s)“ steht. „80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und in einer Zeit, in der aktuelle Krisen und Kriege auch uns in Europa erschüttern“, lade Zeitraumexit hierbei dazu ein, „unsere kriegerische Geschichte und Gegenwart aus verschiedenen zeitlichen und geografischen Perspektiven zu befragen“, notiert Oberbürgermeister Christian Specht in seinem Programmgrußwort.
Erinnerung “ an den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts”
Klaffende Wunden riss unsere kriegerische Geschichte auch im heutigen Namibia, das als „Deutsch- Südwestafrika“ von 1884 bis 1915 unter der Herrschaft des Kaiserreiches stand.
Gedenken und Reflexion: Eine Parade der Erinnerung
Die Gedenkprozession, die Parade entlang der Neckarstädter Uferseite trägt den Titel „unwritten archives – a parade for the 21st century“. Mit ihr werden zugleich die „Wunder der Prärie“ eröffnet, das internationale Live- Art-Festival des Mannheimer Kunst- und Performance-Hauses Zeitraumexit, das dieses Jahr unter dem Titel
„Theaters of War(s)“ steht. „80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und in einer Zeit, in der aktuelle Krisen und Kriege auch uns in Europa erschüttern“, lade Zeitraumexit hierbei dazu ein, „unsere kriegerische Geschichte und Gegenwart aus verschiedenen zeitlichen und geografischen Perspektiven zu befragen“, notiert Oberbürgermeister Christian Specht in seinem Programmgrußwort.
Erinnerung “ an den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts”
Klaffende Wunden riss unsere kriegerische Geschichte auch im heutigen Namibia, das als „Deutsch- Südwestafrika“ von 1884 bis 1915 unter der Herrschaft des Kaiserreiches stand.
Dem Völkermord, den die Kolonialmacht dort am Volk der Herero und Nama verübte, fielen Zehntausende zum Opfer: Drei Viertel der Ovaherero und die Hälfte der
Nama-Bevölkerung wurden ermordet, berichtet der Regisseur und bildende Künstler Sebastian Hirn, der das Festival zusammen
mit Zeitraumexit-Leiterin Johanna
Baumgärtel kuratiert und mit
ihr auch „unwritten archives“ konzipiert hat.
„Jedes Jahr gedenken die betroffenen Communitys der kolonialen Verbrechen und gedenken der verstorbenen Vorfahren in einem Erinnerungszug.“ Und jetzt wird auch hier gemeinsam „an den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“ erinnert, „um in einen Prozess der Begegnung zu treten und die Wunden der Vergangenheit zu heilen“. Die von Friedrich Stockmeier glänzend in Töne gesetzte und live gespielte Komposition für Bläser und Schlagwerk entledigt sich – wie in einer Gegenbewegung zu Besetzung und performativem Kontext – den Fesseln einer Marschmusik. Es scheint fast, als reflektierte sie über die Möglichkeiten einer freien, selbstbestimmten Bewegung im Klangraum.
Bald bleiben die Pferde zurück, die Menschen aber bewegen sich zum Zeitraumexit, genauer: in die alte, offene Halle dahinter. Dort liest Jamie Dau, Referent für Provenienz und Archive der Reiss-Engelhorn-Museen, Inventarlisten namibischer Kulturgegenstände vor, die im Museumsdepot gelagert sind – eine schier endlose Litanei, während der wir in einer Videoprojektion Prince Kamaazengi Marenga durch die Archive wandern sehen. In ausdrucksstarkem Vortrag, teils mit Gesang verbunden, rezitiert der Lyriker hiernach weitere Gedichte – und gibt am Ende namibisches Bier an die Gäste aus. Es gibt viel zu reden.
„Jedes Jahr gedenken die betroffenen Communitys der kolonialen Verbrechen und gedenken der verstorbenen Vorfahren in einem Erinnerungszug.“ Und jetzt wird auch hier gemeinsam „an den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“ erinnert, „um in einen Prozess der Begegnung zu treten und die Wunden der Vergangenheit zu heilen“. Die von Friedrich Stockmeier glänzend in Töne gesetzte und live gespielte Komposition für Bläser und Schlagwerk entledigt sich – wie in einer Gegenbewegung zu Besetzung und performativem Kontext – den Fesseln einer Marschmusik. Es scheint fast, als reflektierte sie über die Möglichkeiten einer freien, selbstbestimmten Bewegung im Klangraum.
Bald bleiben die Pferde zurück, die Menschen aber bewegen sich zum Zeitraumexit, genauer: in die alte, offene Halle dahinter. Dort liest Jamie Dau, Referent für Provenienz und Archive der Reiss-Engelhorn-Museen, Inventarlisten namibischer Kulturgegenstände vor, die im Museumsdepot gelagert sind – eine schier endlose Litanei, während der wir in einer Videoprojektion Prince Kamaazengi Marenga durch die Archive wandern sehen. In ausdrucksstarkem Vortrag, teils mit Gesang verbunden, rezitiert der Lyriker hiernach weitere Gedichte – und gibt am Ende namibisches Bier an die Gäste aus. Es gibt viel zu reden.
La morte di Abele, Retz, 05.07. 2024
NÖN.at. Hollabrunn. Uraufführung in Retz
Adam watet
im Blut, Eva macht die Kirche sauber
von Christian Pfeiffer
Es war eine
sichere Bank und ein Risiko zugleich, das von Intendant Christian Baier für
seinen Einstand angesetzte Stück beim heurigen Festival Retz. Sicher,
weil es die Tradition der „Kirchenoper“ des Festivals mit „Kain und Abel“
fortführt; aber auch riskant, weil es um modernes Musiktheater geht.
Regisseur Sebastian Hirn hatte bei der Soiree zu „Kain und Abel“ vom Barockkomponisten Leonardo Leo nicht zu viel versprochen, als er ankündigte, dass man an einen Tatort käme, wenn man die Stadtpfarrkirche St. Stephan betritt. So war es dann auch bei der Premiere dieses weltweit erstmals szenisch aufgeführten Oratoriums. Überall auf dem Weg zu den Plätzen waren Tatortmarkierungen, wie man sie aus Krimis kennt, platziert. Eine Frau - Eva – macht mit dem Staubsauger sauber.
Der Beginn war eine Art Prolog, in dem interpretatorisch alles aufblitzte, was die Inszenierung tragen sollte. Denn neben Eva als Putzfrau, die im übertragenen Sinne den Dreck ihrer Familie wegsaugt, ist auch Kain schon präsent. Er vergnügt sich mit seinem Stofftier-Safaripark. Der Vater - Adam - glänzt durch Abwesenheit. Abel ist bereits tot - hier hat ein Verbrechen stattgefunden. Somit lässt Regisseur Hirn die Geschichte retrospektiv ablaufen.
Die Bühne ist neben der Unmenge an Plüschtieren mit Blumen und Kerzen arrangiert, als gälte es dem Opfer eines Attentats - Abel - zu gedenken. Die Rolle des Abel ist in Retz mit einer Frau - Eldrid Gorset, sehr feinfühlig in ihrer Rollengestaltung - besetzt. Das ist einerseits der Stimmlage geschuldet, ergibt aber andererseits ein interessantes Gedankenspiel. Obwohl kostümtechnisch eher androgyn angelegt, drängt sich die Frage auf: Würde die Ermordung der Schwester einen Unterschied machen?
Mit Assoziationen spielt Hirn in seiner Inszenierung auf vielen Ebenen. Er zeichnet Kain und Abel als verwöhnte, trotzige Kinder, wobei Abel meist nachgibt und damit als Klügerer dasteht. Adam - zum Fürchten autoritär: Nikita Ivasechko - betrachtet seine Familie patriarchal von der Kanzel aus. Voller Symbolik auch die Szene, als Abel die Kerzen anzündet, als wüsste er um sein weiteres Schicksal, und Kain - von Markus Bjorlikke als zutiefst zerrissener Mensch gestaltet - diese umgehend ausbläst.
Daraufhin macht sich die Friedenstaube auf dem Altarbild, das den heiligen Stephan zeigt - den ersten Märtyrer des Christentums -, auf und davon. Der Schweizer Animationsfilmerin Nicole Aebersold, die für die Verwandlung des Altarbildes verantwortlich zeichnet, ist eine perfekte Illusion gelungen. Nichts hätte zunächst darauf hingewiesen, dass es nicht das originale Altarbild wäre. Immer mehr verwandelte es sich, bis zuerst Jesus und dann auch St. Stephan
verschwunden waren.
Übrig blieben eine karge Landschaft und eine dräuende Gewitterwolke. Derweil hat Adam, dessen Mitschuld an dem Mord in Form von Blut bereits von Anfang an an seinen Gummistiefeln haftet, Abel wie eine überladene Madonnenstatue ausgestattet. Was folgt ist ein choreografiertes Marionettenspiel ermahnender, strenger, warnender und einladender Gesten. Eva - in jeder Hinsicht aufopferungsvoll: Cornelia Sonnleithner - versucht immer wieder, zwischen Adam und den Kindern zu vermitteln.
Regisseur Sebastian Hirn hatte bei der Soiree zu „Kain und Abel“ vom Barockkomponisten Leonardo Leo nicht zu viel versprochen, als er ankündigte, dass man an einen Tatort käme, wenn man die Stadtpfarrkirche St. Stephan betritt. So war es dann auch bei der Premiere dieses weltweit erstmals szenisch aufgeführten Oratoriums. Überall auf dem Weg zu den Plätzen waren Tatortmarkierungen, wie man sie aus Krimis kennt, platziert. Eine Frau - Eva – macht mit dem Staubsauger sauber.
Der Beginn war eine Art Prolog, in dem interpretatorisch alles aufblitzte, was die Inszenierung tragen sollte. Denn neben Eva als Putzfrau, die im übertragenen Sinne den Dreck ihrer Familie wegsaugt, ist auch Kain schon präsent. Er vergnügt sich mit seinem Stofftier-Safaripark. Der Vater - Adam - glänzt durch Abwesenheit. Abel ist bereits tot - hier hat ein Verbrechen stattgefunden. Somit lässt Regisseur Hirn die Geschichte retrospektiv ablaufen.
Die Bühne ist neben der Unmenge an Plüschtieren mit Blumen und Kerzen arrangiert, als gälte es dem Opfer eines Attentats - Abel - zu gedenken. Die Rolle des Abel ist in Retz mit einer Frau - Eldrid Gorset, sehr feinfühlig in ihrer Rollengestaltung - besetzt. Das ist einerseits der Stimmlage geschuldet, ergibt aber andererseits ein interessantes Gedankenspiel. Obwohl kostümtechnisch eher androgyn angelegt, drängt sich die Frage auf: Würde die Ermordung der Schwester einen Unterschied machen?
Mit Assoziationen spielt Hirn in seiner Inszenierung auf vielen Ebenen. Er zeichnet Kain und Abel als verwöhnte, trotzige Kinder, wobei Abel meist nachgibt und damit als Klügerer dasteht. Adam - zum Fürchten autoritär: Nikita Ivasechko - betrachtet seine Familie patriarchal von der Kanzel aus. Voller Symbolik auch die Szene, als Abel die Kerzen anzündet, als wüsste er um sein weiteres Schicksal, und Kain - von Markus Bjorlikke als zutiefst zerrissener Mensch gestaltet - diese umgehend ausbläst.
Daraufhin macht sich die Friedenstaube auf dem Altarbild, das den heiligen Stephan zeigt - den ersten Märtyrer des Christentums -, auf und davon. Der Schweizer Animationsfilmerin Nicole Aebersold, die für die Verwandlung des Altarbildes verantwortlich zeichnet, ist eine perfekte Illusion gelungen. Nichts hätte zunächst darauf hingewiesen, dass es nicht das originale Altarbild wäre. Immer mehr verwandelte es sich, bis zuerst Jesus und dann auch St. Stephan
verschwunden waren.
Übrig blieben eine karge Landschaft und eine dräuende Gewitterwolke. Derweil hat Adam, dessen Mitschuld an dem Mord in Form von Blut bereits von Anfang an an seinen Gummistiefeln haftet, Abel wie eine überladene Madonnenstatue ausgestattet. Was folgt ist ein choreografiertes Marionettenspiel ermahnender, strenger, warnender und einladender Gesten. Eva - in jeder Hinsicht aufopferungsvoll: Cornelia Sonnleithner - versucht immer wieder, zwischen Adam und den Kindern zu vermitteln.
Erfolglos, wie man
weiß. Nachdem Kain den Entschluss gefasst hat, Abel zu töten, wechselt das „Bühnenbild“ am
Altar. Ab jetzt ist ein schier unendlicher Trauerzug samt Leiche zu sehen, der in einer Höhle -
dem Erlebniskeller - beginnt. Den Film dazu drehte Aebersold mit 105 Retzern bereits im
Frühjahr. Nach und nach schließen sich alle der Prozession an, zum Beispiel auch eine
Bäckerin und drei Herren, die gerade noch beim letzten Abendmahl saßen. Irgendwann erreichen
die Trauernden ihr Ziel und heben ein Grab aus. Das ist in dem Moment zu sehen, da Abel
sich entschließt, mit Kain aufs Feld zu gehen, obwohl ihm sein Inneres sagt: „Tu's nicht.“ Die
Inszenierung ist der Geschichte immer ein Stück weit voraus, womit sie zu einer unvermeidlichen
wird. Eva erkennt ihren Teil der Schuld an der Katastrophe, versucht, sie verzweifelt von sich
wischen. Da geht es Adam pragmatischer an. Er putzt sich wortwörtlich an Eva ab.
Und so geht jeder sehr eigen mit dem Geschehenen um. Kain robbt zur Buße durch den Kirchengang, um sich später in einen Teddybärmantel zu hüllen - zurück in die Kinderstube der Menschheit. Eva umwickelt Rosen mit einem Draht und bastelt sich ihre ganz eigene Dornenkrone. Sie bleibt als gebrochene Frau zurück. Und Adam? Der erniedrigt Eva, gibt ihr die Schuld an allem und lässt sie im Stich. Da kommen einem schon Zweifel, was Gott sich dachte, als er den Menschen erschuf.
Moderne, zupackende Inszenierung einhellig - und hochverdient - bejubelt
Spannend war, abgesehen vom Bühnengeschehen, wie das Publikum diese moderne, zupackende Inszenierung aufnehmen würde. Wie einhellig sich nach dem letzten Ton die Begeisterung der Zuschauer Bahn brach, war doch ein wenig überraschend - wiewohl hochverdient. Jubel und Bravos für die Solisten, aber nicht nur für diese. Viel Begeisterung löste auch der Musikalische Leiter Luca De Marchi samt dem Ensemble Continuum Wien sowie dem Chor aus.
Und auch das Regieteam wurde mit reichlich Applaus bedacht, der sich bis zur Standing Ovation steigerte. Pfarrer Clemens Beirer schien vom Zauber der Verwandlung „seines“ Altarbildes ganz angetan und Helga Rabl-Stadler ehrlich beeindruckt von dem eben Gesehenen und Gehörten.
Empfohlen sei für die jeweiligen Folgevorstellungen die Einführung im Bürgersaal um 18.45 Uhr bei freiem Eintritt. Intendant Christian Baier hat sich in seinem ersten Jahr mutig gezeigt - und Mut wird doch oft belohnt.
Und so geht jeder sehr eigen mit dem Geschehenen um. Kain robbt zur Buße durch den Kirchengang, um sich später in einen Teddybärmantel zu hüllen - zurück in die Kinderstube der Menschheit. Eva umwickelt Rosen mit einem Draht und bastelt sich ihre ganz eigene Dornenkrone. Sie bleibt als gebrochene Frau zurück. Und Adam? Der erniedrigt Eva, gibt ihr die Schuld an allem und lässt sie im Stich. Da kommen einem schon Zweifel, was Gott sich dachte, als er den Menschen erschuf.
Moderne, zupackende Inszenierung einhellig - und hochverdient - bejubelt
Spannend war, abgesehen vom Bühnengeschehen, wie das Publikum diese moderne, zupackende Inszenierung aufnehmen würde. Wie einhellig sich nach dem letzten Ton die Begeisterung der Zuschauer Bahn brach, war doch ein wenig überraschend - wiewohl hochverdient. Jubel und Bravos für die Solisten, aber nicht nur für diese. Viel Begeisterung löste auch der Musikalische Leiter Luca De Marchi samt dem Ensemble Continuum Wien sowie dem Chor aus.
Und auch das Regieteam wurde mit reichlich Applaus bedacht, der sich bis zur Standing Ovation steigerte. Pfarrer Clemens Beirer schien vom Zauber der Verwandlung „seines“ Altarbildes ganz angetan und Helga Rabl-Stadler ehrlich beeindruckt von dem eben Gesehenen und Gehörten.
Empfohlen sei für die jeweiligen Folgevorstellungen die Einführung im Bürgersaal um 18.45 Uhr bei freiem Eintritt. Intendant Christian Baier hat sich in seinem ersten Jahr mutig gezeigt - und Mut wird doch oft belohnt.
Der Standard
OPER
Retzer Oratorium zum Brudermord
Der neue Intendant der Festspiele Retz, Christian Baier, bringt als österreichische Erstaufführung Leonardo Leos "La Morte di Abele" in hoher Qualität
von Ljubiša Tošić, 9. Juli 2024
OPER
Retzer Oratorium zum Brudermord
Der neue Intendant der Festspiele Retz, Christian Baier, bringt als österreichische Erstaufführung Leonardo Leos "La Morte di Abele" in hoher Qualität
von Ljubiša Tošić, 9. Juli 2024
Das Oratorium als solches ist nicht unbedingt
erschaffen worden, um szenische Hyperaktivität auszustrahlen. Auf der Suche
nach inspirierender Abwechslung begannen allerdings Opernhäuser und Festivals vor einigen Jahren,
diese altehrwürdige Form sehr gerne
in Regiehände zu legen, damit etwa Könner
wie Claus Guth oder Christof
Loy die jeweils
sakralen Geschichten zu agilem Musiktheater formen.
Das Festival Retz tut es auch und hat es insofern leicht, als die Stadtpfarrkirche St. Stephan mit ihrem Innencharme ein schillerndes Bühnenbild per se abgibt, das Leonardo Leos Oratorium La Morte di Abele atmosphärisch entgegenkommt. Elegant und behutsam wird die Energie des Raumes, die ästhetische Dichte der optischen Rahmenbedingungen gestalterisch integriert. Zudem wird der zentrale Blickfang, das Altarbild, von Animationsfilmerin Nicole Aebersold einer Metamorphose unterzogen.
Form der Tatortsicherung
Während das ausgezeichnete Vokalquartett – Eldrid Gorset als Abel, Cornelia Sonnleitner als Eva,Markus Bjorlikke als Kain und Nikita
Das Festival Retz tut es auch und hat es insofern leicht, als die Stadtpfarrkirche St. Stephan mit ihrem Innencharme ein schillerndes Bühnenbild per se abgibt, das Leonardo Leos Oratorium La Morte di Abele atmosphärisch entgegenkommt. Elegant und behutsam wird die Energie des Raumes, die ästhetische Dichte der optischen Rahmenbedingungen gestalterisch integriert. Zudem wird der zentrale Blickfang, das Altarbild, von Animationsfilmerin Nicole Aebersold einer Metamorphose unterzogen.
Form der Tatortsicherung
Während das ausgezeichnete Vokalquartett – Eldrid Gorset als Abel, Cornelia Sonnleitner als Eva,Markus Bjorlikke als Kain und Nikita
Ivasechko als Adam – die in Leos La Morte di Abele eingefasste Geschichte von Kain und Abel intensiv durchleidet, wandelt sich das Bild nach und nach. Wolken
verdüstern sich, eine Taube fliegen
hinweg. Und als eine Art Karussell der Trauer
zieht ein Prozessionszug (100 Retzerinnen und Retzer), der einen Toten trägt,
gleichsam durch das Altarbild.
Die Inszenierung von Sebastian Hirn bezieht dieses filmische Geschehen ebenso ein wie den Kirchenraum als solchen. Auf dessen Boden sind Kleinsttafeln mit Zahlen zu sehen, die wie eine Form der Tatortsicherung wirken. Die Figuren werfen Schatten zwischen den Kirchenbänken. Als schrecklich tragische Familie sind sie aber vor allem auf einer Plattform zwischen Grabkerzen, Blumen und Plüschtieren dabei, Konflikte zu durchleben.
Zum hohen Niveau der Aufführung trägt das edel klingende, historisch informierte Ensemble Continuum Wien unter der sensiblen Leitung von Luca De Marchi bei. Das wiederentdeckte Werk voll der interessanten Ideen wird klangsinnlich wie prägnant vermittelt.
Die Inszenierung von Sebastian Hirn bezieht dieses filmische Geschehen ebenso ein wie den Kirchenraum als solchen. Auf dessen Boden sind Kleinsttafeln mit Zahlen zu sehen, die wie eine Form der Tatortsicherung wirken. Die Figuren werfen Schatten zwischen den Kirchenbänken. Als schrecklich tragische Familie sind sie aber vor allem auf einer Plattform zwischen Grabkerzen, Blumen und Plüschtieren dabei, Konflikte zu durchleben.
Zum hohen Niveau der Aufführung trägt das edel klingende, historisch informierte Ensemble Continuum Wien unter der sensiblen Leitung von Luca De Marchi bei. Das wiederentdeckte Werk voll der interessanten Ideen wird klangsinnlich wie prägnant vermittelt.
Die Presse
Kain und Abel, kontrapunktisch reich in Retz
07.07.2024 von Josef Schmitt
Kain und Abel, kontrapunktisch reich in Retz
07.07.2024 von Josef Schmitt
Christian Baier, Neo-Intendant des Festival
Retz, überzeugt mit der österreichischen Erstaufführung
von Leonardo Leos barockem Oratorium „La Morte di Abele“. Es ist die weltweit
erste szenische Realisierung dieses Werks.
Intendantenwechsel in Österreichs Festivalszene: Nach Gars – Clemens Unterreiner übernimmt von Johannes Wildner – und Klosterneuburg, wo ein Nachfolger für Michael Garschall gesucht wird, hatte der langjährige Intendant des Festival Retz, Alexander Löffler, Ende des vorjährigen Festivals überraschend seinen Rückzug bekannt gegeben. Rechtzeitig für die Programmierung des Festivals 2024 war mit Christian Baier sein Nachfolger gefunden.
Baier, promovierter Musikwissenschaftler, hat viele Musiktheater-Stationen durchlaufen: Dortmund, Wuppertal, Nürnberg und Berlin; in Wien war er Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift und Musiktheaterdramaturg der Wiener Festwochen. In Retz möchte er „inhaltlich und künstlerisch an die vergangenen Spielzeiten anschließen.“ Mit der Programmierung des barocken Oratoriums „Morte di Abele“ („Der Tod Abels“), von Leonardo Leo, bewies er, dass dies nicht nur eine leere Versprechung war.
Die österreichische Erstaufführung des Werks in der Retzer Kirche St. Stephan war weltweit die erste szenische Realisierung dieses Werks. Leonardo Leo (1694-1744) war einer der wichtigsten Komponisten der Neapolitanischen Opernschule. „La Morte di Abele“ entstand nach einem Libretto von Pietro Metastasio.
Intendantenwechsel in Österreichs Festivalszene: Nach Gars – Clemens Unterreiner übernimmt von Johannes Wildner – und Klosterneuburg, wo ein Nachfolger für Michael Garschall gesucht wird, hatte der langjährige Intendant des Festival Retz, Alexander Löffler, Ende des vorjährigen Festivals überraschend seinen Rückzug bekannt gegeben. Rechtzeitig für die Programmierung des Festivals 2024 war mit Christian Baier sein Nachfolger gefunden.
Baier, promovierter Musikwissenschaftler, hat viele Musiktheater-Stationen durchlaufen: Dortmund, Wuppertal, Nürnberg und Berlin; in Wien war er Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift und Musiktheaterdramaturg der Wiener Festwochen. In Retz möchte er „inhaltlich und künstlerisch an die vergangenen Spielzeiten anschließen.“ Mit der Programmierung des barocken Oratoriums „Morte di Abele“ („Der Tod Abels“), von Leonardo Leo, bewies er, dass dies nicht nur eine leere Versprechung war.
Die österreichische Erstaufführung des Werks in der Retzer Kirche St. Stephan war weltweit die erste szenische Realisierung dieses Werks. Leonardo Leo (1694-1744) war einer der wichtigsten Komponisten der Neapolitanischen Opernschule. „La Morte di Abele“ entstand nach einem Libretto von Pietro Metastasio.
Mit Luca de Marchi hat ein ausgewiesener Barockexperte das
Oratorium einstudiert. Er verbrachte Monate damit, aus den erhaltenen
historischen Abschriften spielbares Notenmaterial zu erarbeiten. Mit dem Ensemble
Continuum Wien gelang
ihm eine überaus spannende Realisierung des
kontrapunktisch reichen Werks, selbst in den lediglich vom Generalbaß begleiteten Rezitativen von dramatischem Atem und harmonischer Farbigkeit.
Der Münchner Regisseur Sebastian Hirn, ehemals Assistent von Luc Bondy, verzichtete in seiner Inszenierung auf billige zeitgeistige Aktualisierungen. Dank starker, aber niemals aufdringlich kontrastierender Typisierung gelangen in der gemeinsam mit der Schweizer Filmemacherin Nicole Aebersold erarbeiteten Mischung aus traditionellem Bühnenbild und moderner Technologie starke Momente.
Geschwister- und Generationen-Konflikte zeichneten der norwegische Tenor Markus Bjørlykke als stimmgewaltiger, dramatischer Kain sowie die norwegische Sopranistin Eldrid Gorset als Abel, die mit modulationsfähigem Sopran zwischen freudiger Naivität und beklemmender Todesahnung changierte.
Der ukrainische Bariton Nikita Ivasechko, Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper, gab mit sonorem Bass-Bariton den von Grund aus bösen Adam. Eva, Cornelia Sonnleithner, gelang zuletzt dank ausgewogenem Mezzo-Timbre der emotionale Höhepunkt, während sie ihren toten Sohn Abel in einem Grab aus Stofftieren begrub. Für de Marchi und das exzellente Solistenquartett gab es am Schluss Standing Ovation.
Der Münchner Regisseur Sebastian Hirn, ehemals Assistent von Luc Bondy, verzichtete in seiner Inszenierung auf billige zeitgeistige Aktualisierungen. Dank starker, aber niemals aufdringlich kontrastierender Typisierung gelangen in der gemeinsam mit der Schweizer Filmemacherin Nicole Aebersold erarbeiteten Mischung aus traditionellem Bühnenbild und moderner Technologie starke Momente.
Geschwister- und Generationen-Konflikte zeichneten der norwegische Tenor Markus Bjørlykke als stimmgewaltiger, dramatischer Kain sowie die norwegische Sopranistin Eldrid Gorset als Abel, die mit modulationsfähigem Sopran zwischen freudiger Naivität und beklemmender Todesahnung changierte.
Der ukrainische Bariton Nikita Ivasechko, Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper, gab mit sonorem Bass-Bariton den von Grund aus bösen Adam. Eva, Cornelia Sonnleithner, gelang zuletzt dank ausgewogenem Mezzo-Timbre der emotionale Höhepunkt, während sie ihren toten Sohn Abel in einem Grab aus Stofftieren begrub. Für de Marchi und das exzellente Solistenquartett gab es am Schluss Standing Ovation.
Kritiken Theater, Oper, Ausstellungen, Installationen
Vorankündigung/ Kritik der bespielten Videoinstallation, schwere reiter München
unwritten archives - (re)constructing the past, München 2023
Süddeutsche Zeitung, 7. September 2023
Zu Besuch im Land der Täter
von Egbert Tholl
München - Immer wieder läuft in Ausschnitten der grässliche Vernichtungsbefehl
von Lothar von Trotha über das Schriftband. Später wird er auch verlesen. ,,Ich
der große General der Deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der
Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und
gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile
abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen:[...]Das Volk
der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so
werde ich es mit dem Groot Rohr (Kanone) dazu zwingen. Innerhalb der deutschen
Grenze wird jeder
Mit dabei sind fünf Nachfahren derer, die damals vernichtet werden sollten
Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinde mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero." Von Trotha ergänzt noch, dass das Schießen auf Frauen und Kinder so zu verstehen sei, dass man über deren Köpfe hinwegschießen soll, dann würden die schon davonlaufen und die Truppe wird sich „des guten Rufes des Deutschen Soldaten" bewusst bleiben.
Kurzer, sehr verknappter historischer Abriss. 1884 verteilten die Kolonialmächte auf der Berliner Kongo-Konferenz die noch nicht unter ihrer Herrschaft stehenden Gebiete Afrikas, Deutschland erhielt unter anderem das Gebiet des heutigen Namibia. Die Kolonialherren zerstörten in „Deutsch-Südwestafrika" die Strukturen der indigenen Bevölkerung, zwangen Herero und Nama, für sie zu schuften, Epidemien brachen aus, schließlich kam es zu Aufständen, einfach, weil die völlig verarmte Bevölkerung überleben wollte.
Berlin schickte General von Trotha, der von 1904 an die Aufstände brutal niederschlug, nach der Schlacht am Waterberg alle Wasservorkommen in der Omaheke Wüste besetzen und die dorthin Geflohenen verdursten ließ. 1911 waren von den circa 80 000 Herero noch 15 000 am Leben, über 10 000 Nama wurden getötet. Erst 2021konnte sich die Bunderegierung dazu durchringen, sich zu entschuldigen, und stellte 1,1 Milliarden Euro „intensivierte Entwicklungshilfe" auf 30 Jahre in Aussicht. Das Geld geht allerdings an die namibische Regierung, nicht unmittelbar an die Nachfahren der Herero, Nama und der anderen Stämme, die unter der Kolonialherrschaft vernichtet werden sollten.
Wenn man begreifen, erspüren will, was das alles für Namibia heute bedeutet, dann muss man ins Schwere Reiter gehen. Dort zeigt Sebastian Hirn seine Aufführung, Performance, Videoinstallation „unwritten archives - (re)constructing the past" am 7., 8. und 9. September. Mit dabei: fünf Nachkommen derer, die damals von den Deutschen vernichtet werden sollten.
Sebastian Hirn lässt nicht los, wenn er auf ein Thema stößt. Jahrelang hat er zum Beispiel an einer Video-Installation über Friedensaktivisten aus Europa und den USA gearbeitet, die vor Beginn des Kriegs 2003 als „Human Shields" in den Irak gingen, um mit ihren Körpern vor allem für die Infrastrukturwichtige Gebäude zu schützen, monatelang fuhr er dafür in den USA herum, traf Veteranen des Kriegs, Aktivisten. Und jetzt fuhr er nach Namibia.
Mit dabei sind fünf Nachfahren derer, die damals vernichtet werden sollten
Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinde mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero." Von Trotha ergänzt noch, dass das Schießen auf Frauen und Kinder so zu verstehen sei, dass man über deren Köpfe hinwegschießen soll, dann würden die schon davonlaufen und die Truppe wird sich „des guten Rufes des Deutschen Soldaten" bewusst bleiben.
Kurzer, sehr verknappter historischer Abriss. 1884 verteilten die Kolonialmächte auf der Berliner Kongo-Konferenz die noch nicht unter ihrer Herrschaft stehenden Gebiete Afrikas, Deutschland erhielt unter anderem das Gebiet des heutigen Namibia. Die Kolonialherren zerstörten in „Deutsch-Südwestafrika" die Strukturen der indigenen Bevölkerung, zwangen Herero und Nama, für sie zu schuften, Epidemien brachen aus, schließlich kam es zu Aufständen, einfach, weil die völlig verarmte Bevölkerung überleben wollte.
Berlin schickte General von Trotha, der von 1904 an die Aufstände brutal niederschlug, nach der Schlacht am Waterberg alle Wasservorkommen in der Omaheke Wüste besetzen und die dorthin Geflohenen verdursten ließ. 1911 waren von den circa 80 000 Herero noch 15 000 am Leben, über 10 000 Nama wurden getötet. Erst 2021konnte sich die Bunderegierung dazu durchringen, sich zu entschuldigen, und stellte 1,1 Milliarden Euro „intensivierte Entwicklungshilfe" auf 30 Jahre in Aussicht. Das Geld geht allerdings an die namibische Regierung, nicht unmittelbar an die Nachfahren der Herero, Nama und der anderen Stämme, die unter der Kolonialherrschaft vernichtet werden sollten.
Wenn man begreifen, erspüren will, was das alles für Namibia heute bedeutet, dann muss man ins Schwere Reiter gehen. Dort zeigt Sebastian Hirn seine Aufführung, Performance, Videoinstallation „unwritten archives - (re)constructing the past" am 7., 8. und 9. September. Mit dabei: fünf Nachkommen derer, die damals von den Deutschen vernichtet werden sollten.
Sebastian Hirn lässt nicht los, wenn er auf ein Thema stößt. Jahrelang hat er zum Beispiel an einer Video-Installation über Friedensaktivisten aus Europa und den USA gearbeitet, die vor Beginn des Kriegs 2003 als „Human Shields" in den Irak gingen, um mit ihren Körpern vor allem für die Infrastrukturwichtige Gebäude zu schützen, monatelang fuhr er dafür in den USA herum, traf Veteranen des Kriegs, Aktivisten. Und jetzt fuhr er nach Namibia.
Der Völkermord an den Herero und Nama beschäftigt ihn seit
seiner Schulzeit. Der wurde in Deutschland verdrängt, aber überall stehen hier
Denkmäler aus wilhelminischer Zeit herum, viele von Bismarck, der damals die
Kongo-Konferenz einberief. Dann kam Corona, drinnen konnte man kein Theater
mehr machen, also bespielte Hirn mit Tänzerinnen die Denkmäler - die Aufnahmen
davon sieht man jetzt in der Aufführung. Gleichzeitig erwachte Hirns Interesse,
sich mit Traumata und deren Weitergabe über Generationen hinweg zu
beschäftigen.
Also Namibia. Auf zwei Reisen traf er zunächst die Aktivistin Hildegard Titus aus dem Volk der Owambo, jung und rasant im Denken. Die brachte Hirn in Kontakt mit Performance-Künstlern wie Muningandu Hoveka und Gift Uzera, dazu kamen Stephanus Sylvester Swartbooi, Veteran aus dem Unabhängigkeitskampf Namibias gegen Südafrika (durch Beteiligung Angolas im Kern ein Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West), und Prince Marenga Kambazembi. Die Fünf, Vertreter der Herero, Nama und Owambo, sind nun in München mit dabei, als Performer, als sie selbst.
"Unwritten archives" ist ein überbordendes Tableau, so breit wie tief. Hirn führte in Namibia viele Video-Interviews, ein Bruchteil ist in der Aufführung zu sehen. Zum Beispiel Harry Schneider-Waterberg, der am Ort der vernichtenden Niederlage der Herero eine Lodge betreibt, sich als HobbyHistoriker betätigt und eine etwas eigenwillige Sicht auf die Geschichte hat. Man sieht verschiedene Vertreter von Clans und Interessengemeinschaften der Herero oder Nama, einen Laienprediger, eine Journalistin. Allein schon deren Aussagen machen die Heterogenität des Umgangs mit der Geschichte deutlich. Die Vertreter der indigenen Bevölkerung etwa sind der Meinung, Deutschland hätte doch besser mit ihnen reden sollen, als es um das ging, was explizit nun Entwicklungshilfe und nicht Entschädigung heißt. Das ist nur ein Splitter in dem Gesamtgefüge.
Auf der Bühne: die Fünf aus Namibia, die Tänzerin Julia Keren Turbahn, die Schauspielerin Ines Hollinger, der Schauspieler Andreas Bittl, der Musiker Florian Götte (und zwei Pferde).
Nach dem Besuch einer Probe der Aufführung im Rohzustand ist man übervoll mit Aussagen aus Namibia heute, Briefen von Missionaren damals, die ihr Entsetzen äußern, aber auch seltsam blasiert bleiben, Splittern wilhelminischer Großmachtfantasien, Kirchenliedern (die deutsche Gemeinde dort war sehr lutherisch geprägt), aber auch einem betörend schönen afrikanischen Lied.
Man hört die Wut in den Worten der Herero, man sieht eine Choreographie von gefangenen, versehrten, ihrer Seelen beraubten Menschen, man bewundert die Fünf aus Namibia. Das alles ist eingebettet in die raumfüllenden Filmaufnahmen. Der Friedhof der Weißen, Marmorgräber. Der der toten Herero: Hügel aus Sand, die immer wieder neu gebaut werden müssen, weil der Wind sie verweht. Die Haifisch-Insel, Ort des Konzentrationslagers. Die Wüste, in die die Herero getrieben wurden. Aber auch Singen im Gemeindesaal. Und schließlich: das Gedenken. Ein Denkmal im Sand, ein Trompeter am Meer. GenozidErinnerungstag. Die Trompete soll die Seelen der Toten aufwecken. Weil sie nicht vergessen sind.
Also Namibia. Auf zwei Reisen traf er zunächst die Aktivistin Hildegard Titus aus dem Volk der Owambo, jung und rasant im Denken. Die brachte Hirn in Kontakt mit Performance-Künstlern wie Muningandu Hoveka und Gift Uzera, dazu kamen Stephanus Sylvester Swartbooi, Veteran aus dem Unabhängigkeitskampf Namibias gegen Südafrika (durch Beteiligung Angolas im Kern ein Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West), und Prince Marenga Kambazembi. Die Fünf, Vertreter der Herero, Nama und Owambo, sind nun in München mit dabei, als Performer, als sie selbst.
"Unwritten archives" ist ein überbordendes Tableau, so breit wie tief. Hirn führte in Namibia viele Video-Interviews, ein Bruchteil ist in der Aufführung zu sehen. Zum Beispiel Harry Schneider-Waterberg, der am Ort der vernichtenden Niederlage der Herero eine Lodge betreibt, sich als HobbyHistoriker betätigt und eine etwas eigenwillige Sicht auf die Geschichte hat. Man sieht verschiedene Vertreter von Clans und Interessengemeinschaften der Herero oder Nama, einen Laienprediger, eine Journalistin. Allein schon deren Aussagen machen die Heterogenität des Umgangs mit der Geschichte deutlich. Die Vertreter der indigenen Bevölkerung etwa sind der Meinung, Deutschland hätte doch besser mit ihnen reden sollen, als es um das ging, was explizit nun Entwicklungshilfe und nicht Entschädigung heißt. Das ist nur ein Splitter in dem Gesamtgefüge.
Auf der Bühne: die Fünf aus Namibia, die Tänzerin Julia Keren Turbahn, die Schauspielerin Ines Hollinger, der Schauspieler Andreas Bittl, der Musiker Florian Götte (und zwei Pferde).
Nach dem Besuch einer Probe der Aufführung im Rohzustand ist man übervoll mit Aussagen aus Namibia heute, Briefen von Missionaren damals, die ihr Entsetzen äußern, aber auch seltsam blasiert bleiben, Splittern wilhelminischer Großmachtfantasien, Kirchenliedern (die deutsche Gemeinde dort war sehr lutherisch geprägt), aber auch einem betörend schönen afrikanischen Lied.
Man hört die Wut in den Worten der Herero, man sieht eine Choreographie von gefangenen, versehrten, ihrer Seelen beraubten Menschen, man bewundert die Fünf aus Namibia. Das alles ist eingebettet in die raumfüllenden Filmaufnahmen. Der Friedhof der Weißen, Marmorgräber. Der der toten Herero: Hügel aus Sand, die immer wieder neu gebaut werden müssen, weil der Wind sie verweht. Die Haifisch-Insel, Ort des Konzentrationslagers. Die Wüste, in die die Herero getrieben wurden. Aber auch Singen im Gemeindesaal. Und schließlich: das Gedenken. Ein Denkmal im Sand, ein Trompeter am Meer. GenozidErinnerungstag. Die Trompete soll die Seelen der Toten aufwecken. Weil sie nicht vergessen sind.
Kritiken Theater, Oper, Ausstellungen, Installationen
Kritik der Ausstellung im Kunstraum München
abandoned positions (Ausstellung), München 2020
Süddeutsche Zeitung, 7. Feburar 2020
Warten aufs Glück
Kolumne von Egbert Tholl
Kolumne von Egbert Tholl
...Wer es stattdessen ganz konkret will, sollte den Kunstraum München besuchen. Dort ist bis 8. März noch die dokumentarische Videoinstallation abandoned positions von Sebastian Hirn und Lisa Hörstmann zu sehen, die eine Fülle hochspannender, schonungslos offener Interviews zum Irakkrieg 2003 zeigt, mit Kriegsveteranen, damaligen Kriegsgegnern, irakischen Flüchtlingen, entstanden zwischen 2015 und 2018.
Kritik der Installation, Choreographie, Aktion Performance im Streitfeld München
10 Trials and nor more reels, München 2015
Süddeutsche Zeitung, 14. Juli 2015
Süddeutsche Zeitung, 14. Juli 2015
Atmosphäre der Verlorenheit
Musik und Theater nahe an der Schmerzgrenze: Sebastian Hirns ‚10 Trials and no more reels‘ in der Streitfeldstraße 33
Das einstige Schwimmbad in der Streitfeldstraße in Berg am Laim könnte zu einem spannenden Ort für performatives Theater werden. Wenn da nur nicht die Behörden und besorgte Anwohner wären
von Sabine Leucht
Musik und Theater nahe an der Schmerzgrenze: Sebastian Hirns ‚10 Trials and no more reels‘ in der Streitfeldstraße 33
Das einstige Schwimmbad in der Streitfeldstraße in Berg am Laim könnte zu einem spannenden Ort für performatives Theater werden. Wenn da nur nicht die Behörden und besorgte Anwohner wären
von Sabine Leucht
Das ehemalige Schwimmbad in der Streitfeldstraße 33 ist offiziell nur ein Lagerraum, aber zweifellos auch ein spannender Ort für Theater. Wäre da nicht die Angst der Behörden vor dem Absturz von Zuschauern ins leere Bassin... Doch selbst wenn der Sicherheit genüge getan wird, bleibt da noch der begrenzte Raum, den Sebastian Hirn für seine Installation „10 trials and no more reels“ am vergangenen Wochenende fluchtwegtauglich durch stählerne Anbauten verbreitert hat, so dass eine überschaubare Anzahl von Besuchern sich mit freier Sicht aufs Becken bewegen konnte, in dem nicht nur ein fast vollständiges Fischerboot und eine Steuermannkabine Platz fanden, sondern auch die Tänzerinnen Sahra Huby und Hyoung- Min Kim, die mit ihren Körpern den Raum abtasteten, Rettungsringe ritten und mit robbenden Bewegungen hinter sich herzogen oder sich mit Schulter oder Kopf auf dem ungerührt weiter Wind generierenden, klopfenden und tönenden Akkordeonisten Krassimir Sterev abstützten.
Wie ferngesteuert oder auf der Flucht vor einem unabwendbaren Schicksal hieven sich Kim und Huby mit steif gewordenen oder scheinbar aneinandergewachsenen Gliedern aus dem Schiffsbauch, schmeißen sich vom Boot aus gerade noch so an den Beckenrand, oder zwängen sich durch die Licht- und Belüftungsschächte nach draußen. Aber sie kommen auch immer wieder, ziehen ganz und gar nicht getrieben Schuhe an und aus, legen mit losen Mosaikfliesen Muster oder verspannen Seile. Kurz: Machen Zeug. Und machen es gut. Aber es wird dabei schon auch klar, warum Hirn seine kleine „Aktionsreihe“ für’s freie Kommen und Gehen eingerichtet hat.
Wie ferngesteuert oder auf der Flucht vor einem unabwendbaren Schicksal hieven sich Kim und Huby mit steif gewordenen oder scheinbar aneinandergewachsenen Gliedern aus dem Schiffsbauch, schmeißen sich vom Boot aus gerade noch so an den Beckenrand, oder zwängen sich durch die Licht- und Belüftungsschächte nach draußen. Aber sie kommen auch immer wieder, ziehen ganz und gar nicht getrieben Schuhe an und aus, legen mit losen Mosaikfliesen Muster oder verspannen Seile. Kurz: Machen Zeug. Und machen es gut. Aber es wird dabei schon auch klar, warum Hirn seine kleine „Aktionsreihe“ für’s freie Kommen und Gehen eingerichtet hat.
Denn es gibt keine Dramaturgie, kein Warum und Wozu hinter den Aktionen, nur eine leicht klaustrophobische, fast endzeitliche Atmosphäre der Verlorenheit, die einen etwa eine Stunde lang in Bann zieht, ehe das eigene Hirn zu viele Fragen generiert. Das ist im übrigen an beiden Abenden so, die sich in der Intensität und der konkreten Ausformung, nicht aber wesentlich unterscheiden.
Auf den geplanten Schaum im zweiten Teil hat der Regisseur verzichtet, weil die Verantwortlichen vom Verein „Genius loci“ nach den Anwohnerprotesten des Vortrages wenigstens innerhalb des Hauses auf Nummer sicher gehen wollten. Die Proteste konnte mitverfolgen, wer den Raum wegen der hart an die Schmerzgrenze gefahrenen Akkorde der Schweizer Bassformation Frachter vor Ende verlassen hatte: tollen andersweltlichen Lauten eigentlich, zu denen man das Seufzen der Wale wie des Weltraums assoziieren kann, aber auch eine wirksame Foltermethode. Und selbst wenn man sich angeblich weit jenseits von tödlichen Frequenzen befunden hat, ist diese schädeldeckenabhebende Form der Ganzkörpermassage nicht jedermanns Sache. Auch den sich von einer dubiosen „Künstlervereinigung“ terrorisiert fühlenden Anwohnern fehlte scheint’s der Sinn für die Schönheit eines erbebenden Hauses, dessen Lichtschachtabdeckungen draußen vor der Tür ihren eigenen scheppernden Tanz aufführten.
Man muss wohl noch mehr beachten als einen raumgemäßen, starken Zugriff und die Wünsche der Lokalbaukommission, wenn man in einem Wohngebiet langfristig ein neues Terrain für’s zeitgenössische Theater erobern will.
Auf den geplanten Schaum im zweiten Teil hat der Regisseur verzichtet, weil die Verantwortlichen vom Verein „Genius loci“ nach den Anwohnerprotesten des Vortrages wenigstens innerhalb des Hauses auf Nummer sicher gehen wollten. Die Proteste konnte mitverfolgen, wer den Raum wegen der hart an die Schmerzgrenze gefahrenen Akkorde der Schweizer Bassformation Frachter vor Ende verlassen hatte: tollen andersweltlichen Lauten eigentlich, zu denen man das Seufzen der Wale wie des Weltraums assoziieren kann, aber auch eine wirksame Foltermethode. Und selbst wenn man sich angeblich weit jenseits von tödlichen Frequenzen befunden hat, ist diese schädeldeckenabhebende Form der Ganzkörpermassage nicht jedermanns Sache. Auch den sich von einer dubiosen „Künstlervereinigung“ terrorisiert fühlenden Anwohnern fehlte scheint’s der Sinn für die Schönheit eines erbebenden Hauses, dessen Lichtschachtabdeckungen draußen vor der Tür ihren eigenen scheppernden Tanz aufführten.
Man muss wohl noch mehr beachten als einen raumgemäßen, starken Zugriff und die Wünsche der Lokalbaukommission, wenn man in einem Wohngebiet langfristig ein neues Terrain für’s zeitgenössische Theater erobern will.